Vorwort Verlag für Amerikanistik - Four Suns

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Vorwort Verlag für Amerikanistik

Hintergrund, Klischees
Klischee, Unwissenheit, Vorurteile - Themen, die uns immer wieder begegnen!
Vorwort Dietmar Kuegler

Wir haben unsere Klischees im Kopf, auch wenn wir uns Mühe geben, aufgeklärt, informiert, tolerant und weltoffen zu sein. 
Wir können nicht anders - wir sind mit Bildern und Vorstellungen, Urteilen und Standards aufgewachsen, die sich eingeprägt haben. Und wenn wir uns noch so viel Mühe geben, irgendwann kommen diese tief verwurzelten Denkweisen aus uns heraus. Meist sind wir dann, wenn wir einsichtsfähig sind, selbst erschrocken, und wenn unsere Reaktion so aussieht, haben wir die Chance, die festgefahrenen Vorurteile zu überwinden.

So ist es mit den Indianerbildern in uns. Sie haben uns seit den Kindertagen begleitet, und wenn wir inzwischen auch viel gelesen haben, vielleicht sogar schon Indianern begegnet sind - entweder hier oder in ihrem eigenen Land - stecken die alten Vorstellungen doch in uns.

Indianer sind eben "Naturkinder", "naiv", man muss sie vor der bösen Welt beschützen. Natürlich ist es amtlich, dass sie inzwischen die Wurzeln ihrer eigenen Kultur durch das Reservationsleben fast vergessen haben, also muss man ihnen wieder beibringen, sich wie richtige Indianer zu benehmen.

So reisen Jahr um Jahr nicht nur engagierte Helfer und Indianerfreunde, sondern auch einige eifrige, gutmeinende, allerdings auch etwas aufdringliche und zumindest ein wenig taktlose Menschen in Indianerreservationen, sind pflichtschuldigst entsetzt darüber, dass die Verhältnisse dort sich erheblich von den Lebensformen unserer Breitengrade unterscheiden, erkennen mit sicherem Blick die Schuldigen und wissen auch, dass sich die Indianer natürlich völlig falsch verhalten und erstmal wieder lernen müssen, "lndianer" zu sein.

Mit einem Lakota-Lehrbuch in der Hand versuchen sie, den Indianern auf Pine Ridge oder Standing Rock zu erklären, dass sie ihre eigene Sprache besser beherrschen müssen. Sie wissen, wie die Indianer sich anziehen sollen - nicht TShirt und Jeans, sondern traditionelle Kleidung. Und das Essen und den Alltag können sie auch besser organisieren.

Dabei haben sie aus ihrer Sicht sogar nicht mal Unrecht. Sie vergessen nur, dass Indianer nicht aus irgendeinem alten Reisebuch gesprungen, sondern echte Menschen sind, deren Kultur und vor allem Mentalität sich stark von der unseren unterscheidet. Was wir für nötig und gut ansehen, sehen sie noch lange nicht in derselben Weise, und auf unsere Belehrungen können sie verzichten. Hilfe - ja, aber nicht mit Vorträgen darüber, wie das indianische Leben auszusehen hat.

Es sind beileibe nicht nur die Europäer, die falsche Indianerbilder von Generation zu Generation weiterreichen. Die Amerikaner sind nicht besser.

Ein guter Freund von mir, Loren Yellowbird, ein Arikara-Hidatsa von der Fort Berthold Reservation, arbeitet als NationalparkRanger in Fort Union (North Dakota). Er ist ein liebenswürdiger, humorvoller und lebhafter Mann, dessen bronzefarbene Haut und pechschwarze Haare seine Herkunft belegen, der aber meist die Uniform der Rangers trägt.

Augenzwinkernd erzählte er mir 2006 diese Geschichte: Eine Lehrerin kam mit ihrer Schulklasse nach Fort Union, um über die Geschichte des Pelzhandels informiert zu werden. Eines der Kinder fragte: "Gibt es auch richtige Indianer hier?" Ein anderes Kind deutete auf Loren Yellowbird, der ein Namensschild an seiner Uniform trug, und bemerkte: "Das ist ein richtiger Indianer. Sieh dir seinen Namen an."

Darauf mischte sich die Lehrerin ein und sagte: "Nein, dass ist kein Indianer. Er ist nicht wie ein Indianer angezogen."

Mir fiel die Kinnlade herunter, während Yellowbird sich vor Lachen auf die Schenkel klopfte. So ist das: Kleidung macht den Menschen, und den Indianer erst recht. Und wer kein Wildleder trägt und keine Adlerfeder im Haar hat, kann natürlich unmöglich ein Indianer sein.

Die Taktlosigkeit dieser Lehrerin war kaum noch zu überbieten, aber es gibt zahllose kleine Verstöße gegen die Etikette, denen auch wir uns als Besucher in Reservationen schuldig machen, weil wir solche Vorstellungen nicht abschütteln können. So fällt z. B. angesichts vieler hellhäutiger Reservationsbewohner, die weiße Eltern- oder Großelternteile in ihrer Familie haben, manchmal die Bemerkung: "Die sehen ja gar nicht aus wie Indianer."

Wenn die Betroffenen das hören, ist das eine schlimme Beleidigung.

Wie sieht ein Indianer aus? Wie Cooper ihn beschrieben hat? Wie Karl May ihn dargestellt hat? Eben nicht. Es gibt einige äußere Merkmale, aber auch diese sind nicht einheitlich, und selbst dokumentarische Fotos, wie etwa von Curtis, verfestigen nur eine Klischeevorstellung, die die Wirklichkeit kaum einhalten kann.

Es gab und gibt natürlich die schlanken, drahtigen, hochgewachsenen Gestalten mit bronzener Haut, markanten Gesichtszügen und zwingendem Blick. Aber das sind Idealfiguren, wie sie auch bei anderen Völkern selten sind. Und dann tragen die Indianer heute im Alltag eben keine perlen- oder quillbestickten Wildlederleggings mehr, und Adlerfedern stecken sie sich allenfalls bei zeremoniellen Gelegenheiten ins Haar.

Wer ins Indianerland reist oder mit Indianern zusammentrifft muss sich von all diesen Vorstellungen frei machen. Das heißt nicht, den alten Kindheitstraum aufzugeben, der einst Motivation und Inspiration war. Es bedeutet nur, sich auf andere Menschen einzustellen, die ein Recht darauf haben, zu leben, zu denken, sich zu kleiden und zu bewegen wie wir selbst. Die nicht auf der Welt sind, um für uns als wandelnde Museumsstücke herumzulaufen. Es geht darum, einer fremden Kultur und den Menschen, die sie repräsentieren, mit Takt, Höflichkeit und Anstand zu begegnen, nicht mit erhobenem Zeigefinger, nicht mit der Erwartungshaltung, dass diese Menschen sich unseren Vorstellungen anzupassen haben. Wir haben sie zu akzeptieren, wie sie sind, dann werden wir auch von ihnen akzeptiert werden, und wir werden Zugang zu einer Welt erhalten, die vielleicht nicht den alten Klischees entspricht, die aber Erkenntnisse und Erfahrungen bereithält, die uns bereichern.

Dietmar Kuegler

 
 
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